Revanche

Februar 2013

Man konnte phasenweise glauben, beim Wettbewerb für „Synchrones-Desinteresse-vorgaukeln-und-obercool-wirken“ zu sein. Es waren Tayfun Tasdemir und Martin Horn, zwei der Halbfinalisten der Mannschaftsweltmeisterschaft im Billard, die maximal unbeteiligt wirkten. Beide hatten gerade ihre verbissen geführte Partie beendet, die Horn knapp für sich verbuchen konnte. Jetzt beobachteten sie den Ausgang der zweiten und entscheidenden Paarung zwischen Deutschland und der Türkei. Es war die Wiederholung des Halbfinals von 2011 – und damals hatte sich die Türkei durchgesetzt. Aus Sicht des deutschen Teams und seiner Anhänger war also noch eine Rechnung offen.

Christian Rudolph hatte die Partie dominant begonnen und sich einen vermeintlich ausreichenden Vorsprung herausgearbeitet. Es sah eine lange Zeit nach einem Durchmarsch der deutschen Mannschaft aus, aber dann kämpften sich die türkischen Spieler hochkonzentriert zurück, holten auf und gingen zeitweise in Führung. Murat Naci Coklu wirkte abseits des Spielfeldes unscheinbar, schüchtern und er war zwei Köpfe kleiner als Rudolph. Am Billardtisch verwandelte er sich in einen hochklassigen und ehrgeizigen Spieler. Ein Kämpfer, der sich in einem mentalen Tunnel befand und sich auf Sieg programmiert hatte. Diese in sich gekehrte, aber unbedingte Entschlossenheit hatte zuvor auch Horn aufblitzen lassen. Bei ihm war ebenfalls erkennbar, wie sehr er ins Finale wollte und wie er mit sich haderte, wenn sein Spiel nicht erfolgreich war. Der Schlagabtausch mit Tasdemir wogte hin und her und die beiden schenkten sich nichts.

Tasdemir unterlag zwar knapp, ihm gelangen im so genannten Nachstoß aber noch zwei Punkte. Damit musste Rudolph am Nebentisch mindestens drei weitere Punkte gutmachen, wenn das deutsche Team in der Endabrechnung das Halbfinale für sich verbuchen wollte. Und es sah anfangs nicht gut für den schlaksigen Deutschen aus. Verpasste Chancen von beiden Spielern trieben die Spannung in der Halle nach oben und die deutschen Fans hielten mehr als einmal die Luft an. Die Stimmung schwankte stetig zwischen Hoffen und Bangen.

Und dann geschah das kleine Wunder, das vor allem Horn blitzartig aus der anfangs erwähnten Starre riss. Rudolph schaffte mit Mühe die noch fehlenden zwei Punkte und die Halle stand Kopf. Sofort ließ Horn sämtliche Zurückhaltung fallen und seiner Freude freien Lauf. Ich hatte auf diesen Moment mit der Kamera im Anschlag gewartet. Meine Rechnung ging nur bedingt auf, da mir mein Sitznachbar begeistert auf die Schulter klopfte. Er hat mir wunderbar verwischte Aufnahmen des Hallenbodens beschert – und sich dafür entschuldigt. Im Finale gegen Belgien hatten Horn und Rudolph nicht den Hauch einer Chance.